Die Alkoholabhängigkeit ist nach der Nikotinabhängigkeit die am weitesten verbreitete Suchtkrankheit. Man schätzt, dass etwa ein Prozent der Bevölkerung alkoholkrank sind. Die Dunkelziffer dürfte indes höher liegen. Der Alkoholkonsum ist in Deutschland sozial akzeptiert, was alleine daran erkennbar ist, dass die Deutschen mit einem jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von 150 Litern Weltmeister im Bierkonsum sind. Besonders alarmierend ist die Tatsache, dass der Alkoholkonsum bei Jugendlichen nicht zuletzt durch die in Verruf gekommenen Alcopops stetig zunimmt. Fast jeder Zehnte Jugendliche ist alkoholismusgefährdet. Die Zahl derjeniger, die einen bedenklichen Umgang mit Alkohol betreiben, liegt dabei deutlich höher. Die durch Alkohol unmittelbar oder mittelbar verursachten volkswirtschaftlichen Schäden werden auf über 30 Milliarden Euro pro Jahr beziffert. Auf eine ähnlich hohe Summe belaufen sich die jährlichen Ausgaben der Bevölkerung für Alkoholika, so dass der Alkohol auch einen beträchtlichen wirtschaftlichen Faktor darstellt.
Die WHO hat 1964 die Empfehlung herausgegeben den unscharfen Begriff "Sucht" durch den besser definierten Begriff der Abhängigkeit zu ersetzen. Man unterscheidet zwischen körperlicher und psychischer Abhängigkeit. Die zwei Charakteristika der körperlichen Abhängigkeit sind die Toleranz, d. h. die Gewöhnung des Körpers an die Droge und das Auftreten von körperlichen Entzugserscheinungen (Kreislaufstörungen, Erbrechen, Zittern) bei Absetzen der Substanz. Typisches Zeichen der Toleranz ist, dass eine bestimmte Substanzmenge mit der Dauer der Einnahme einen immer geringeren Effekt zeigt. Darauf reagiert der Abhängige mit einer steten Dosissteigerung. Die psychische Abhängigkeit ist durch ein unstillbares Verlangen nach der Substanz ("Craving") gekennzeichnet, hinter dem alle anderen Bedürfnisse zurückstehen und deshalb vernachlässigt werden.
Bei der Suchtentwicklung bestehen immer eine Reihe begünstigender Faktoren, deren Zusammenspiel schleichend zur Entstehung der Sucht führt. Eine genetische Komponente gilt als unbestritten. Es hat sich in Zwillingsuntersuchungen gezeigt, dass sowohl ein- als auch zweieiige Zwillinge ein ähnlich hohes Alkoholismusrisiko tragen. So sind Zwillingsgeschwister alkoholkranker Menschen zu einem hohen Prozentsatz ebenfalls alkoholkrank. Familiäre Verhältnisse (alkoholkranke Eltern oder Verwandte) tragen ebenfalls zu einer Erhöhung des Suchtrisikos bei. Bei Vorliegen von psychiatrischen Erkrankungen findet man überdurchschnittlich häufig eine Alkoholerkrankung. Umgekehrt haben etwa 50 Prozent der Alkoholiker einen psychiatrischen Nebenbefund. Oft ist es so, dass psychiatrische Patienten ihre Erkrankung mit Alkohol "behandeln" zu versuchen und so erst in die Abhängigkeit abrutschen. Letztlich spielt auch die psychosoziale Situation des Menschen eine Rolle. In Konfliktsituationen oder bei Spannungen wird der Alkohol oft als dämpfend wirkende Substanz eingesetzt.
Die Alkoholabhängigkeit entwickelt sich nach Jellinek in vier Phasen, wobei die Entwicklung mehr als zehn Jahre dauern kann. Besonders bei Jugendlichen beobachtet man hingegen ein rascheres Durchlaufen der Stadien (2 bis 3 Jahre).
Die wichtigsten Organe, die durch einen chronischen Alkoholmissbrauch geschädigt werden sind die Leber, die Bauchspeicheldrüse und das Gehirn. Zudem kommt es häufig zu einer Schädigung der peripheren Nerven (Polyneuropathie) mit der Folge von Gefühlsstörungen.
Chronischer Alkoholkonsum ist in Deutschland die häufigste Ursache einer Leberzirrhose. Die Leberzirrhose ist durch eine zunehmende bindegewebige Vernarbung und den Verlust der normalen Gewebestruktur gekennzeichnet. Folgen sind einerseits der zunehmende Verlust der Leberfunktion sowie die Druckerhöhung im Pfortaderkreislauf (portale Hypertonie). Die portale Hypertonie begünstigt das Entstehen von "Umwegen" im Blutkreislauf, den Umgehungskreisläufen. Es kommt unter anderem zu einer Vergrößerung der Milz, zur Ausbildung von Bauchwasser (Aszites) und zu Krampfadern im Bereich der Speiseröhrenschleimhaut (Ösophagusvarizen), die mitunter tödliche Blutungen hervorrufen können. Die verminderte Produktion von Gerinnungsstoffen erhöht die Blutungsgefahr weiter. Auch die Entgiftungsfunktion der Leber ist eingeschränkt. Vor allem nach fleischreicher Kost oder einer Blutung aus den Krampfadern der Speiseröhre kann es durch eine Anhäufung von Ammoniak und anderen Stoffwechselgiften im Kreislauf zu Bewusstseinstrübungen und starkem Händezittern kommen (hepatische Enzephalopathie).
Neben Gallensteinen ist der chronische Alkoholkonsum wichtigste Ursache der akuten und chronischen Entzündung der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis). Die akute Pankreatitis verursacht gürtelförmige Schmerzen und einen prall-elastischen Bauch. Sie kann einen lebensbedrohlichen Verlauf nehmen, wenn es durch vorzeitige Aktivierung des aggressiven Pankreassaftes zur Selbstverdauung körpereigener Strukturen kommt (Blutgefäße!). Die chronische Pankreatitis zeichnet sich in erster Linie durch dumpfe Schmerzen aus und führt durch die mangelnde Bildung von Verdauungssäften zu einer Fettverwertungsstörung. Es kommt zur Ausscheidung von Fetten mit dem Stuhl, der dann von ölig glänzendem Aussehen ist und zu einer Gewichtsabnahme. Eine diabetische Stoffwechsellage entwickelt sich in der Regel erst bei sehr ausgeprägter Zerstörung des Organs.
Alkohol ist ein Nervenzellgift. Der Rausch ist Zeichen einer beginnenden Vergiftung. Bei chronischer Einwirkung von Alkohol kann es zu einer ganzen Reihe von Schädigungen des Gehirns kommen. Krampfanfälle kommen bei Alkoholikern gehäuft vor. Degenerative Erkrankungen verschiedener Gehirnbereiche entwickeln sich vor allem bei männlichen Alkoholikern, werden aber auch bei Frauen beobachtet. Besonders das Kleinhirn ist dabei oft in Mitleidenschaft gezogen. Es kommt zu Gleichgewichts- und Gangstörungen sowie einem grobschlägigen Zittern, besonders bei zielgerichteten Bewegungen. Beeinträchtigungen der Augenbeweglichkeit finden sich gelegentlich in Verbindung mit Bewusstseins- und Bewegungsstörungen und werden dann als "Wernicke-Enzephalopathie" bezeichnet. Für dieses Krankheitsbild scheint ein Thiaminmangel (Vitamin B1) verantwortlich zu sein, der bei Alkoholikern häufig gefunden wird. Das Korsakow-Syndrom, welches sich bei langjährigem Alkoholmissbrauch entwickelt und ebenfalls mit einem Thiaminmangel in Verbindung gebracht wird, zeichnet sich durch einen Gedächtnisverlust aus, der besonders das Kurzzeitgedächtnis betrifft.
Für eine erfolgreiche Therapie ist die Mitarbeit und Motivation des Patienten von essenzieller Bedeutung. Der behandelnde Arzt sollte den Patienten in seinem Wunsch nach Abstinenz nach Kräften unterstützen. Grundlage einer jeden Therapie ist die Entgiftung des Patienten. Die Entgiftung sollte unter stationären Bedingungen durchgeführt werden, um eine eventuelle Entzugssymptomatik schnell erkennen und entsprechend behandeln zu können. Unterstützend wird in der Entgiftungsphase oft Clomethiazol eingesetzt, das Entzugssymptome lindern kann. Wichtig ist, die Entwicklung einer Abhängigkeitsverlagerung auf das Medikament hin zu verhindern. Das Medikament Acamprosat findet als Anti-Craving-Substanz Anwendung und kann das Verlangen nach Alkohol vermindern. An die Entgiftung schließt sich eine oft monatelange Entwöhnungsphase an, die an speziellen Kliniken für Alkoholkranke durchgeführt wird. Hier werden verschiedene beschäftigungs- und psychotherapeutische Konzepte herangezogen und dem Patienten ein Weg ohne Alkohol aufgezeigt. Danach sollte unter Einbeziehung von Angehörigen, behandelndem Arzt und Selbsthilfe-Gruppen wie den Anonymen Alkoholikern eine Nachsorge erfolgen, die von variabler Dauer ist. Dieses Stufenkonzept hat eine Erfolgsrate von etwa 40 Prozent. Weitere 30 % der Behandelten erreichen zumindest alkoholfreie Phasen von mehreren Jahren.
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